Sonntag, 19. Mai 2013

Wald und Höhle

Inhalt
Ein Dialog zwischen Faust und Mephisto. Faust ist sich darüber im Klaren, dass er von Mephisot verführt wird. Dieser stachelt ihn immer wieder erneut an sich doch zu Gretchen ins Zimmer zu begeben, um Liebe zu machen. Faust sucht Entspannung in der Natur worüber sich Mephisto lustig macht. Sie streiten sich ein wenig. Faust reflektiert zunächst alleine über die Ereignisse.

Personen
Faust
Mephisto

Interpretation
Faust ist sich des Widerspruchs in seiner Handlung bewußt: Zum Einen möchte er niemandem schaden, besonders Gretchen nicht, zum Anderen ist er von seinen Trieben gesteuert und von dem Bedürfnis Gretchen zu erobern. Er hat zunächst die Ruhe allein in der Natur gesucht, wo er sich seine Gedanken macht. Dann tritt Mephisto auf, aus dem anfänglichen Monolog wird ein Dialog. Beide streiten miteinander, Faust ist sich der manipulativen Einflüsse des Teufels durchaus bewußt ( Schlange, Schlange), traut sich aber nicht ihm dies auch offen ins Gesicht zu sagen.Vielmehr spricht er diese Kritik ausschließlich zu sich selbst.  Mephisto versucht die triebhafte Seite Fausts anszusprechen, um ihn zur Sünde zu bewegen. Er soll sich zu Gretchen begeben, um dort mit ihr in der Kammer den körperlichen Gelüsten nachzugehen.  Faust wehrt sich dagegen, worauf Mephisto mit Unverständnis reagiert: Soll Faust doch nur in Gretchens Bett, nicht in den Tod ( V 3340 und folgende). Faust verschlägt es die Sprache, er vermag nicht mehr hervorzubringen als eine Interjektion ( Pfui). Mephisto hebt hervor, dass sich Faust etwas vormache, ja sogar vorlüge : V 3297-3299.
Die Szene hat zum Einen die Funktion einen Innensicht auf Fausts Perspektive zu werfen. Bisher erschien er stets zwischen den Polen Gut und Böse hin und hergeworfen. Gretchen und Mephisto dominierten durch Aktion die Bühnenpräsens, er war in der passiven, reagierenden Rolle. In dieser Szene wirft man einen Blick auf sein Innenleben und auf seine Sicht der vorangegangenen stürmischen Ereignisse. Außerdem ist es eine ruhige Szene, die die spätere Dramatik noch mehr hervorhebt. Zusätzlich hat diese Szene die Funktion die vergangenen, wichtigen Ereignisse noch einmal zusammen zu fassen. Hier wird noch einmal Rückschau gehalten auf das was passiert ist: Das sich Gretchen und Faust näher kamen und von Mephisto verführt und gelenkt werden. Faust ist in der Hand jener Macht, die genau weiß wie sie ihn zu lenken hat.  Zudem wirft die Szene die Frage auf, in wie weit der Mensch seiner Vernunft folgen kann, wenn die Triebe an Einfluss gewinnen. Eine weitere Leitfrage ist, ob der Mensch stets dem Guten folgen kann oder ob jeder Mensch Spielball zwischen dem Guten und dem Bösen ist.  Schließlich wird erneut der Erdgeist angerufen, wobei hier die Zusammenfassung der vergangenen Szenen erfolgt.

Wald und Höhle.

Faust allein.
Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles,
Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
Dein Angesicht im Feuer zugewendet.
3220
Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich,
Kraft, sie zu fühlen, zu genießen. Nicht
Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur,
Vergönnest mir in ihre tiefe Brust,
Wie in den Busen eines Freund’s, zu schauen.
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3225
Du führst die Reihe der Lebendigen
Vor mir vorbey, und lehrst mich meine Brüder
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.
Und wenn der Sturm im Walde braus’t und knarrt,
Die Riesenfichte, stürzend, Nachbaräste
[215]
3230
Und Nachbarstämme, quetschend, nieder streift,
Und ihrem Fall dumpf hohl der Hügel donnert;
Dann führst du mich zur sichern Höhle, zeigst
Mich dann mir selbst, und meiner eignen Brust
Geheime tiefe Wunder öffnen sich.
3235
Und steigt vor meinem Blick der reine Mond
Besänftigend herüber; schweben mir
Von Felsenwänden, aus dem feuchten Busch,
Der Vorwelt silberne Gestalten auf,
Und lindern der Betrachtung strenge Lust.

3240
     O daß dem Menschen nichts Vollkomm’nes wird,
Empfind’ ich nun. Du gabst zu dieser Wonne,
Die mich den Göttern nah’ und näher bringt,
Mir den Gefährten, den ich schon nicht mehr
Entbehren kann, wenn er gleich, kalt und frech,
3245
Mich vor mir selbst erniedrigt, und zu Nichts,
Mit einem Worthauch, deine Gaben wandelt.
Er facht in meiner Brust ein wildes Feuer
Nach jenem schönen Bild geschäftig an.
[216]
So tauml’ ich von Begierde zu Genuß,
3250
Und im Genuß verschmacht’ ich nach Begierde.

Faust führt einen Monolog über seine Begierde Gretchen gegenüber, dass er sich nach ihr verzehrt, zudem ist er dankbar das Leben kennen gelernt zu haben, s o wie er es Leben nennt.

Mephistopheles tritt auf.
Mephistopheles.
Habt ihr nun bald das Leben g’nug geführt?
Wie kann’s euch in die Länge freuen?
Es ist wohl gut, daß man’s einmal probirt;
Dann aber wieder zu was neuen!

Faust.
3255
Ich wollt’, du hättest mehr zu thun,
Als mich am guten Tag zu plagen.
Mephisto tritt auf und unterbricht Faust bei seinen Gedanken, er fühlt sich von Mephisto geplagt.
Mephistopheles.
Nun nun! ich laß’ dich gerne ruhn,
Du darfst mir’s nicht im Ernste sagen.
An dir Gesellen unhold, barsch und toll,
3260
Ist wahrlich wenig zu verlieren.
Den ganzen Tag hat man die Hände voll!
Was ihm gefällt und was man lassen soll,
Kann man dem Herrn nie an der Nase spüren.
[217]
Faust.
Das ist so just der rechte Ton!
3265
Er will noch Dank, daß er mich ennüyirt.

Mephistopheles.
Wie hätt’st du, armer Erdensohn,
Dein Leben ohne mich geführt?
Vom Kribskrabs der Imagination
Hab’ ich dich doch auf Zeiten lang curirt;
3270
Und wär’ ich nicht, so wär’st du schon
Von diesem Erdball abspazirt.
Was hast du da in Höhlen, Felsenritzen
Dich wie ein Schuhu zu versitzen?
Was schlurfst aus dumpfem Moos und triefendem Gestein,
3275
Wie eine Kröte, Nahrung ein?
Ein schöner, süßer Zeitvertreib!
Dir steckt der Doctor noch im Leib.
Mephisto gibt an, das Faust ohne ihn das wahre Leben nicht kennengelernt hätte. Noch immer stecke der Wissenschaftler in ihm, noch immer könne er nicht das echte Leben auskosten
Faust.
Verstehst du, was für neue Lebenskraft
Mir dieser Wandel in der Oede schafft?
3280
Ja, würdest du es ahnden können,
Du wärest Teufel g’nug mein Glück mir nicht zu gönnen.
[218]
Mephistopheles.
Ein überirdisches Vergnügen!
In Nacht und Thau auf den Gebirgen liegen,
Und Erd und Himmel wonniglich umfassen,
3285
Zu einer Gottheit sich aufschwellen lassen,
Der Erde Mark mit Ahndungsdrang durchwühlen,
Alle sechs Tagewerk’ im Busen fühlen,
In stolzer Kraft ich weiß nicht was genießen,
Bald liebewonniglich in alles überfließen,
3290
Verschwunden ganz der Erdensohn,
Und dann die hohe Intuition –
Mit einer Geberde.
Ich darf nicht sagen, wie – zu schließen.

Faust.
Pfuy über dich!
Faust und Mephisto streiten sich,. Mephisto kann nicht verstehen was Faust an einem Spaziergang in der Natur findet und ist ungehalten über dessen Drang in der Oede neue Lebenskraft zu schöpfen = sich im Grünen zu erholen

Mephistopheles.
 Das will euch nicht behagen;
Ihr habt das Recht, gesittet pfuy zu sagen.
3295
Man darf das nicht vor keuschen Ohren nennen,
Was keusche Herzen nicht entbehren können.
Und kurz und gut, ich gönn’ Ihm das Vergnügen,
Gelegentlich sich etwas vorzulügen;
[219]
Doch lange hält Er das nicht aus.
3300
Du bist schon wieder abgetrieben,
Und, währt es länger, aufgerieben
In Tollheit oder Angst und Graus.
Genug damit! dein Liebchen sitzt dadrinne,
Und alles wird ihr eng’ und trüb’.
3305
Du kommst ihr gar nicht aus dem Sinne,
Sie hat dich übermächtig lieb.
Erst kam deine Liebeswuth übergeflossen,
Wie vom geschmolznen Schnee ein Bächlein übersteigt;
Du hast sie ihr in’s Herz gegossen,
3310
Nun ist dein Bächlein wieder seicht.
Mich dünkt, anstatt in Wäldern zu thronen,
Ließ es dem großen Herren gut,
Das arme affenjunge Blut
Für seine Liebe zu belohnen.
3315
Die Zeit wird ihr erbärmlich lang;
Sie steht am Fenster, sieht die Wolken ziehn
Ueber die alte Stadtmauer hin.
Wenn ich ein Vöglein wär’! so geht ihr Gesang
Tagelang, halbe Nächte lang.
3320
Einmal ist sie munter, meist betrübt,
[220]
Einmal recht ausgeweint,
Dann wieder ruhig, wie’s scheint,
Und immer verliebt.

Faust.
Schlange! Schlange!
Mephisto berichtet davon, dass Gretchen die Zeit lang wird und sie auf Faust wartet und darauf, dass er sie liebt
Mephistopheles für sich.
3325
Gelt! daß ich dich fange!

Faust.
Verruchter! hebe dich von hinnen,
Und nenne nicht das schöne Weib!
Bring’ die Begier zu ihrem süßen Leib
Nicht wieder vor die halb verrückten Sinnen!

Mephistopheles.
3330
Was soll es denn? Sie meint, du seyst entfloh’n,
Und halb und halb bist du es schon.
Sie denkt, dass er sich schon fast verabschiedet hat und sich von ihr distanziert
Faust.
Ich bin ihr nah’, und wär’ ich noch so fern,
Ich kann sie nie vergessen, nie verlieren;
Ja, ich beneide schon den Leib des Herrn,
3335
Wenn ihre Lippen ihn indeß berühren.
[221]
Er sagt, dass er stets an Gretchen denken würde 
Mephistopheles.
Gar wohl, mein Freund! Ich hab’ euch oft beneidet
Um’s Zwillingspaar, das unter Rosen weidet.

Faust.
Entfliehe, Kuppler!

Mephistopheles.
 Schön! Ihr schimpft und ich muß lachen.
Der Gott, der Bub’ und Mädchen schuf,
3340
Erkannte gleich den edelsten Beruf,
Auch selbst Gelegenheit zu machen.
Nur fort, es ist ein großer Jammer!
Ihr sollt in Eures Liebchens Kammer,
Nicht etwa in den Tod.
Mephisto will Faust zu Gretchen drängen ins Bett und versteht nicht warum er sich so anstellt ( V 3343...)
Faust.
3345
Was ist die Himmelsfreud’ in ihren Armen?
Laß mich an ihrer Brust erwarmen!
Fühl’ ich nicht immer ihre Noth?
Bin ich der Flüchtling nicht? der Unbehaus’te?
Der Unmensch ohne Zweck und Ruh?
3350
Der wie ein Wassersturz von Fels zu Felsen braus’te,
Begierig wüthend nach dem Abgrund zu.
Und seitwärts sie, mit kindlich dumpfen Sinnen,
[222]
Im Hüttchen auf dem kleinen Alpenfeld,
Und all ihr häusliches Beginnen
3355
Umfangen in der kleinen Welt.
Und ich, der Gottverhaßte, hatte nicht genug,
Daß ich die Felsen faßte
Und sie zu Trümmern schlug!
3360
Sie, ihren Frieden mußt’ ich untergraben!
Du, Hölle, mußtest dieses Opfer haben!
Hilf, Teufel, mir die Zeit der Angst verkürzen.
Was muß geschehn, mag’s gleich geschehn!
Mag ihr Geschick auf mich zusammenstürzen
3365
Und sie mit mir zu Grunde gehn!

Mephistopheles.
Wie’s wieder siedet, wieder glüht!
Geh’ ein und tröste sie, du Thor!
Wo so ein Köpfchen keinen Ausgang sieht,
Stellt er sich gleich das Ende vor.
3370
Es lebe, wer sich tapfer hält!
Du bist doch sonst so ziemlich eingeteufelt.
Nichts abgeschmackters find’ ich auf der Welt,
Als einen Teufel der verzweifelt.
[223]

Faust weiß, dass die Liebe der Untergang beider ist. Mephisto stachelt ihn weiter an sich auf den Weg zum Gretchen zu machen und sie zu trösten

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