Sonntag, 19. Mai 2013

Gretchen


Gretchen und ihre Welt

Während sich Faust viel in der Welt der Magie aufhält, besonders nach dem Kennenlernen von Mephisto, ist Gretchen sehr bodenständig und in der wirklichen Welt. Betrachtet man Gretchen in ihrer Umgebung und ihrem Umgang mit den anderen Charaktären, so fällt auf, dass es sicher ein Gretchen wie sie damals unzählige Male gegeben haben mag. Sie ist gut verbändelt mit ihrer Nachbarin Marte, unterliegt aber einer strengen sozialen Kontrolle. In jeder Beziehung bleibt sie in ihrem Mileu - kirchlich, geistig und moralisch - während sich Faust immer weiter fort, in die moralischen Abgründe und die Magie verabschiedet. Die Figur des Gretchens ist zwar wenig gefestigt, da sich sich von Faust verführen lässt, jedoch ist sie in sich sehr beschränkt: Schließlich fällt ihr kein Weg hinaus aus der Tragödie ein, schließlich kann sie sich nicht von engen Regeln und der engen Moral ihrer Herkunft lösen.

Die Gretchentragödie, die ja eng mit der Gelehrtentragödie verknüpft ist, kann man nicht nur als Drama um die Moral und um die gefallene Unschuld sehen, sondern auch als ein Stück Sozialkritik.

Gretchen das unterlegene Opfer?

Gretchen ist Faust keinesfalls unterlegen, im Gegenteil, sie ist dem Gelehrten durchaus ebenbürtig, auch wenn sie zunächst als sehr naviv erscheint.
Zwar lässt sich Gretchen auf Faust ein, zwar ist sie sehr beeindruckt von dem Mann von Welt, der sich mit dem anderen Weltmann ihre Liebe erkauft, jedoch ist nicht Faust der Gegenpart von Mephisto, sondern Gretchen. Sie ist der Gegenpol zum Bösen und auch dessen Gegnerin. Sie lässt sich zwar verführen und zu einer unklugen Handlung hinreissen, jedoch lässt sich sich nicht aus ihrer Welt entreissen. Sie bleibt gläubig und moralisch überlegen, weil sie so handelt, wie es nur ein moralisch durchdrungener und überlegener Mensch tun kann.

Gretchen ist zu Beginn einfach das Objekt der sexuellen Lust von Faust ( Szene : Auf der Straße ) und verbleibt auch zunächst in scheinbarer Passivität. Erst im Ende, wo sie die Wahl zwischen der Befreiung und der verurteilten Strafe hat, entscheidetet sie sich autonom und gegen die Widerstände von Faust und Mephisto für den eigenen Untergang. Hierin sieht man, dass sie keineswegs unmündig ist, sondern vielmehr mutig und selbstbewußt ihre eigenen Entscheidungen trifft und umsetzt.

Gretchen und die Rolle der Frau

Albrecht urteilt über Gretchens Rolle im Besonderen und die Rolle der Frau im Allgemeinen:

Im Sinne der Gattungsperspektive muss Fausts Entwicklung übergehen, auch im Sinne der subjektiven Erhaltung und Entfaltung seiner Persönlichkeit muss Faust sich eines Tages, nachdem alle Höhen und  Tiefen der Leidenschaft gewirkt haben, von Gretchen lösen, um sich frei entwickeln zu können. ...Die Opferung der Frau ist aber die tragische Bedigung dafür, dass der Mann als Persönlichkeit die führende Kraft der geschichtlichen Entwicklung sein kann, obwohl die Frau die jenige ist, die das neue Leben unter Schmerzen in die Welt setzt oder die hier, ihm durch ihr schmerzreiches Opfer weiterhilft. Albrecht S 438 f)

Gretchen verdeutlicht wie kaum ein anderer Charakter die Rolle der Frau zur damaligen Zeit. Zum Einen ist sie zunächst ein Idealbild: Gläubig und voller Tugenden lässt sie den Freier auf der Straße abblitzen. Die Frau hat das zu tun was Gretchen vollbringt: Die Wohnung ordentlich halten ( sie hat ein Zimmer reinlich aber klein ), gläubig sein und sich nicht von fremden Männern beeinflussen lassen. Sie hat auch die Regeln der damaligen Gesellschaft verinnerlicht, denn sie hat ein schlechtes Gewissen, als ihr bewußt wird, dass sie gegen die für Frauen geltenden Regeln verstoßen hat.

Wenn ein Mann sich sexuell erprobt und verschiedene Dinge ausprobiert, dann war dies in der damaligen Gesellschaft weit weniger anrüchtig, als wenn eine Frau das Selbe für sich in Anspruch nimmt. Dies wird besonders deutlich, wenn man sich die unterschiedlichen moralischen  Normen ansieht. Für Frauen gelten weitaus strengere Regeln und Frauen drohen weitaus härtere Sanktionen als Männern. Frauen, die ein uneheliches Kind erwarten, wie Bärbel oder Gretchen, werden kein unbeschwertes Leben mehr leben können, jedoch kommt Faust sogar straflos mit einem Mord davon. Diese Ungerechtigkeit findet man noch heute auch in unserer Gesellschaft, jedoch war das Ungleichgewicht in der Gesellschaft zu Goethes Zeiten noch weitaus drastischer ausgeprägt.

Gretchen - eine tragische  Figur des Sturm und Drang

Warum kann man sagen, dass Gretchen eine typische Figur aus dem Sturm und Drang ist, genau so wie Faust? Sicher zum Einen, weil sich beide Beteiligten ohne Sinn und Verstand für die Liebe und die Lust opfern. Jedoch auch zum Anderen, wiel
Sie ist ein so sittsames und gläubiges Mädchen, dass nicht einmal der Teufel Einfluss auf sie nehmen kann ( Straße Gretchen trifft Faust), auch ihr Zimmer hält sie reinlich und achtet auf Sauberkeit ( Abend). Insgesamt ist sie ein Mädchen das vor Tugenden nur so strotzt.

Ob die Geschichte der Margarete eine Tragödie ist, das lässt sich nicht so zweifelsfrei beantworten. Zwar ist die Geschichte durchaus tragisch und erfüllt auch vom Ablauf her die Vorraussetzungen für eine Tragödie, jedoch gibt es Stimmen in der Literaturkritik, die die Geschichte der fallenden Unschuld als Komplex bezeichnen würden.


Gretchen psychologische Analyse

Der Versuch Gretchen psychologisch zu analysieren setzt zunächst die Kenntnis über einige Grundlagen der Psychoanalyse voraus. Der Psychoanalytiker Sigmund Freud erdachte sich, dass der menschliche Geist sich in drei Teile einteilen lässt: Das Über Ich, das übergeordnete Normen repräsentiert, das Es, das die Triebe in sich vereint und das ICH das ich Aufgabe hat zwischen diesen Persönlichkeitsteilen zu moderieren und zu vermitteln.

Überträgt man diese Ordnung auf das Stück Faust I, insbesondere auf die Figur des Gretchen, so erkennt man, dass Gretchen stark vom Über Ich dominiert wird.  Diese repräsentiert die Nomen und Werte der Eltern, aber auch die Regeln, die die Gesellschaft auf den Menschen anwendet. Gretchen hält sich streng an das, was die Umgebung für rechtschaffend und gut hällt, sie bemüht sich ein guter Mensch zu sein und diesen Regeln zu entsprechen.
Doch auch der Antagonist des ÜBER ICH, das Es, kann man in Gretchens Seele sehen, da sie dem Werben von Faust nach einiger Zeit willig ergibt. Die Sexualität ist der auffälligste aller menschlichen Triebe, die Freud mit Es bezeichnet hat. Jedoch kann man feststellen, das im Verhältnis zueinander das Über ich den weit aus größeren Raum in Gretchens Seele einnimmt, denn sie gibt sich zwar hin, hat jedoch ein schlechtes Gewissen.

Ein weiteres psychologisches Motiv in Goethes Faust ist das Thema der Schuld. Gretchen macht sich in dem Moment bereits schuldig, als sie den Weg der Tugend verlässt und sich vom teuflischen Treiben verführen lässt.  Diese Schuld ist nicht nur eine von Außen auferlegte ( durch Regeln und Normen festgelegte ), sondern auch eine innerlich empfundene. Deutlich werden ihre Schulgefühle durch den bösen Geist in der Szene Dom. Hier meldet sich sehr deutlich Gretchens schlechte Gewissen zu Wort und zwar in Form eines bösen Geistes, der sie quält, als sie versucht sich von dem Schulgefühl zu befreien und sich bei der heiligen Mutter erleichtern zu können. Diese Bewältigungsstratgie (=psycholgisch formuliert: Coping Strategie ) scheitert und sie kann sich ihrer Schulgefühlte nicht entledigen.

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