Sonntag, 19. Mai 2013

Trüber Tag Feld

Inhalt
Faust macht Mephisto schwere Vorwürfe, er hätte Gretchen auf dem Gewissen, die nun im Kerker sitzt und leidet. Mephisto aber gibt Faust die volle Verantwortung zurück

Personen Faust Mephisto

Interpretation
Bei der Szene handelt es sich um ein retardierendes Element, das heißt die unvermeidliche Eskalation wird herausgezögert durch dieses Element. Dies ist ein klassischer Bestandteil von Dramen. Die Szene hebt sich von ihrer Sprache sehr deutlich von den anderen Szenen ab, denn sie ist vollständig in Prosa verfasst. Dies führt man zurück auf die Entstehungsgeschichte von Faust, die sich über mehrere Stufen vollzogen hat. In dieser Szene dringt das Ausmaß seiner Schandtaten in Fausts Bewußtsein, er fühlt sich schulig und setzt sich vehement mit Mephisto auseinander. Dieser scheint ebenfalls von einem schlechten Gewissen geplagt, doch flüchtet er sich in Sarkasmus. Er ist deutlich distanziert von Gretchens Schicksal und nimmt all dies emotionslos hin. Faust will, das der Erdgeist alles ungeschehen macht, doch Mephisto tut kund, dass dies nicht möglich sei. Sie machen sich auf den Weg zu Stadt.
Trüber Tag.
Feld.
Faust. Mephistopheles.

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Faust.
     Im Elend! Verzweifelnd! Erbärmlich auf der Erde lange verirrt und nun gefangen! Als Missethäterinn im Kerker zu entsetzlichen Qualen eingesperrt das holde unselige Geschöpf! Bis dahin! dahin! – Verräthrischer, nichtswürdiger Geist, und das hast du mir verheimlicht! – Steh nur, steh! wälze die teuflischen Augen ingrimmend im Kopf herum! Steh und trutze mir durch deine unerträgliche Gegenwart! Gefangen! Im unwiederbringlichen Elend! Bösen Geistern übergeben und der richtenden gefühllosen Menschheit! [292] Und mich wiegst du indeß in abgeschmackten Zerstreuungen, verbirgst mir ihren wachsenden Jammer und lässest sie hülflos verderben!
Mephistopheles.
      Sie ist die erste nicht.
Faust bedauert sehr, dass Gretchen jetzt im Kerker sitzt und gequält ist. Mephisto berühren diese Sorgen nicht.
Faust.
      Hund! abscheuliches Unthier! – Wandle ihn, du unendlicher Geist! wandle den Wurm wieder in seine Hundsgestalt, wie er sich oft nächtlicher Weise gefiel vor mir herzutrotten, dem harmlosen Wandrer vor die Füße zu kollern und sich dem niederstürzenden auf die Schultern zu hängen. Wandl’ ihn wieder in seine Lieblingsbildung, daß er vor mir im Sand auf dem Bauch krieche, ich ihn mit Füßen trete, den Verworfnen! – die erste nicht! – Jammer! Jammer! von keiner Menschenseele zu fassen, daß mehr als ein Geschöpf in die Tiefe dieses Elendes versank, daß nicht das erste genugthat für die Schuld aller übrigen in seiner windenden Todesnoth vor den Augen des ewig Verzeihenden! Mir wühlt es Mark und Leben durch das Elend dieser einzigen, du grinsest gelassen über das Schicksal von Tausenden hin.
Mephistopheles.
     Nun sind wir schon wieder an der Grenze unsres Witzes, [293] da, wo euch Menschen der Sinn überschnappt. Warum machst du Gemeinschaft mit uns, wenn du sie nicht durchführen kannst? Willst fliegen und bist vorm Schwindel nicht sicher? Drangen wir uns dir auf, oder du dich uns?
Faust und Mephisto streiten sich, sie sind sich nicht einig. Mephisto gibt Faust selbst die Verantwortung und bemägelt, dass er sich selbst auf all das eingelassen hätte
Faust.
      Fletsche deine gefräßigen Zähne mir nicht so entgegen! Mir ekelt’s! – Großer, herrlicher Geist, der du mir zu erscheinen würdigtest, der du mein Herz kennest und meine Seele, warum an den Schandgesellen mich schmieden? der sich am Schaden weidet und am Verderben sich letzt?
Mephistopheles.
      Endigst du?
Faust.
      Rette sie! oder weh dir! den gräßlichsten Fluch über dich auf Jahrtausende!
Mephistopheles.
      Ich kann die Bande des Rächers nicht lösen, seine Riegel nicht öffnen. – Rette sie! – Wer war’s, der sie ins Verderben stürzte? Ich oder du?
Faust blickt wild umher.
Faust verlangt von Mephisto Gretchen zu retten, dieser lehnt aber ab und gibt statt dessen Faust die Verantwortung
Mephistopheles.
      Greifst du nach dem Donner? Wohl, daß er euch elenden [294] Sterblichen nicht gegeben ward! Den unschuldig entgegnenden zu zerschmettern, das ist so Tyrannen-Art, sich in Verlegenheiten Luft zu machen.
Faust.
     Bringe mich hin! Sie soll frey seyn!

Mephistopheles.
     Und die Gefahr der du dich aussetzest? Wisse, noch liegt auf der Stadt Blutschuld von deiner Hand. Ueber des Erschlagenen Stätte schweben rächende Geister und lauern auf den wiederkehrenden Mörder.

Faust.
     Noch das von dir? Mord und Tod einer Welt über dich Ungeheuer! Führe mich hin, sag’ ich, und befrey sie!

Mephistopheles.
     Ich führe dich und was ich thun kann, höre! Habe ich alle Macht im Himmel und auf Erden? Des Thürners Sinne will ich umnebeln, bemächtige dich der Schlüssel und führe sie heraus mit Menschenhand. Ich wache! die Zauberpferde sind bereit, ich entführe euch. Das vermag ich!

Faust.
     Auf und davon!
[295]
Faust lässt sich zu Gretchen führen, weil er sie befreien will

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