Sonntag, 19. Mai 2013

Vorspiel auf dem Theater

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Inhalt

In dem Prolog Vorspiel auf dem Theater streiten sich die drei Personen lustige Person, Dichter und Theaterdirektor darüber wie ein Stück beschaffen sein sollte und welche Funktion es hat.

Personen
  • Direktor 
  • lustige Person
  • Dichter

Funktion

Dieser Teil gehört genau so wenig zur Handlung des Faust wie der vorhergehende Teil.  Hier erlaubt sich Goethe eine Reflektion über das Theater an sich und über dessen Probleme und Notwendigkeiten. Da er selbst einmal Direktor von einem Theater war, während seiner Zeit in Weimar, weiß er um die finanziellen Notwendigkeiten, die speziellen Probleme und die Herausforderung ein erfolgreiches Stück aufzuführen.


Er weißt den Leser noch einmal auf den fiktionalen Charakter seine Stückes hin, indem er dem Publikum de Theaterdirektor vor die Nase setzt. Er will also das sich das Publikum vergegenwärtigt dass er sich das Stück nur ausgedacht hat.

Lesen und erklären Abschnitt für Abschnitt

                Director, Theaterdichter, lustige Person.

                Director.

                Ihr beyden die ihr mir so oft,

                In Noth und Trübsal, beygestanden,

                Sagt was ihr wohl, in deutschen Landen,

                Von unsrer Unternehmung hofft?

                Ich wünschte sehr der Menge zu behagen,

                Besonders weil sie lebt und leben läßt.

                Die Pfosten sind, die Breter aufgeschlagen,

                Und jedermann erwartet sich ein Fest.

                Sie sitzen schon, mit hohen Augenbraunen,

                Gelassen da und möchten gern erstaunen.

                Ich weiß wie man den Geist des Volks versöhnt;

                Doch so verlegen bin ich nie gewesen;

                45

                Zwar sind sie an das Beste nicht gewöhnt,

                [10]

                Allein sie haben schrecklich viel gelesen.

                Wie machen wir’s? daß alles frisch und neu

                Und mit Bedeutung auch gefällig sey.

                Denn freylich mag ich gern die Menge sehen,

                50

                Wenn sich der Strom nach unsrer Bude drängt,

                Und mit gewaltig wiederholten Wehen,

                Sich durch die enge Gnadenpforte zwängt;

                Bey hellem Tage, schon vor Vieren,

                Mit Stößen sich bis an die Kasse ficht

                55

                Und, wie in Hungersnoth um Brot an Beckerthüren,

                Um ein Billet sich fast die Hälse bricht.

                Dieß Wunder wirkt auf so verschiedne Leute

                Der Dichter nur; mein Freund, o! thu es heute.

Der Direktor hofft sehr, dass das Stück auch finanziell ein Erfolg mögen werde.   Er weiß dass er kommerziell also finaziell vom Erfolg des Stückes abhängig ist.       Ich wünschte sehr der Menge zu behagen,    Besonders weil sie lebt und leben läßt.  Er ist etwas unsicher ob das ein Erfolg werden kann, hofft dies aber sehr :Doch so verlegen bin ich nie gewesen;

Er möchte, dass sich das Publikum dränkt um ein Ticket Um ein Billet sich fast die Hälse bricht


                Dichter.

                O sprich mir nicht von jener bunten Menge,

                60

                Bey deren Anblick uns der Geist entflieht.

                Verhülle mir das wogende Gedränge,

                Das wider Willen uns zum Strudel zieht.

                Nein, führe mich zur stillen Himmelsenge,

                Wo nur dem Dichter reine Freude blüht;

                65

                Wo Lieb’ und Freundschaft unsres Herzens Segen

                Mit Götterhand erschaffen und erpflegen.

                [11]

                Ach! was in tiefer Brust uns da entsprungen,

                Was sich die Lippe schüchtern vorgelallt,

                Mißrathen jetzt und jetzt vielleicht gelungen,

                70

                Verschlingt des wilden Augenblicks Gewalt.

                Oft wenn es erst durch Jahre durchgedrungen

                Erscheint es in vollendeter Gestalt.

                Was glänzt ist für den Augenblick geboren,

                Das Aechte bleibt der Nachwelt unverloren.


   O sprich mir nicht von jener bunten Menge    Bey deren Anblick uns der Geist entflieht. Der Dichter sieht jene Menge, die kommt um sich sein Stück anzusehen sehr kritisch. Er spricht abfällig vom Publikum                 Verhülle mir das wogende Gedränge,  ihn überkommt Unbehagen wenn er an die Menschenmassen ( die bunte Menge ) denkt  Ach! was in tiefer Brust uns da entsprungen,  Er hat ein Werk hervorgebracht und dies ist tiefer Brust entsprungen, es kommt also ganz tief aus ihm selbst, er ist der Schöpfer wenn es erst durch Jahre durchgedrungen  Erscheint es in vollendeter Gestalt. Er braucht Jahre bis er zufrieden mit seinem Werk ist, erst nach vielen Jahr ist es perfekt




                Lustige Person.

                75

                Wenn ich nur nichts von Nachwelt hören sollte.

                Gesetzt daß ich von Nachwelt reden wollte,

                Wer machte denn der Mitwelt Spaß?

                Den will sie doch und soll ihn haben.

                Die Gegenwart von einem braven Knaben

                80

                Ist, dächt’ ich, immer auch schon was.

                Wer sich behaglich mitzutheilen weiß,

                Den wird des Volkes Laune nicht erbittern;

                Er wünscht sich einen großen Kreis,

                Um ihn gewisser zu erschüttern.

                85

                Drum seyd nur brav und zeigt euch musterhaft,

                Laßt Phantasie, mit allen ihren Chören,

                [12]

                Vernunft, Verstand, Empfindung, Leidenschaft,

                Doch, merkt euch wohl! nicht ohne Narrheit hören.

Er will nicht von der Nachwelt reden sondern von der Mitwelt, also im Hier und Jetzt sein. Er möchte Spaß im HIer und jetzt und sieht den Sinn des Stückes auch genau hierin. Er belustigt sich etwas über die Bravheit der andere.


                Director.

                Besonders aber laßt genug geschehn!

                90

                Man kommt zu schaun, man will am liebsten sehn.

                Wird vieles vor den Augen abgesponnen,

                So daß die Menge staunend gaffen kann,

                Da habt ihr in der Breite gleich gewonnen,

                Ihr seyd ein vielgeliebter Mann.

                95

                Die Masse könnt ihr nur durch Masse zwingen,

                Ein jeder sucht sich endlich selbst was aus.

                Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen;

                Und jeder geht zufrieden aus dem Haus.

                Gebt ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken!

                100

                Solch ein Ragout es muß euch glücken;

                Leicht ist es vorgelegt, so leicht als ausgedacht.

                Was hilft’s wenn ihr ein Ganzes dargebracht,

                Das Publikum wird es euch doch zerpflücken.

Der Direktor will der Masse ( der Breite ) gefallen und eine Komposition hervorbringen ( Ragout) das kommerziell auch erfolgreich ist. Das Publikum, das er für kritisch hällt (...wird es euch doch zerflücken ) soll viel beinhalten ( wer vieles bringt, ...) damit sich jeder was daraus aussuchen kann und es vielen Leuten gefällt ( ein jeder sucht sich endlich selbst was aus)


                Dichter.

                Ihr fühlet nicht wie schlecht ein solches Handwerk sey!

                Wie wenig das den ächten Künstler zieme!

                Der saubern Herren Pfuscherey

                Ist, merk’ ich, schon bey euch Maxime.

 Der Dichter findet, dass man die Komödianten niht ernst nehmen kann und das deren Handwerk Pfuscherei ist. Er ist abfällig der lustigen Person gegenüber da diese ihm die Dichtung, seinen Lebensunterhalt, nicht ernst genug nimmt.


                Director.

                Ein solcher Vorwurf läßt mich ungekränkt;

                Ein Mann, der recht zu wirken denkt,

                Muß auf das beste Werkzeug halten.

                Bedenkt, ihr habet weiches Holz zu spalten,

                Und seht nur hin für wen ihr schreibt!

                Wenn diesen Langeweile treibt,

                Kommt jener satt vom übertischten Mahle,

                115

                Und, was das allerschlimmste bleibt,

                Gar mancher kommt vom Lesen der Journale.

                Man eilt zerstreut zu uns, wie zu den Maskenfesten,

                Und Neugier nur beflügelt jeden Schritt;

                Die Damen geben sich und ihren Putz zum besten

                120

                Und spielen ohne Gage mit.

                Was träumet ihr auf eurer Dichter-Höhe?

                Was macht ein volles Haus euch froh?

                Beseht die Gönner in der Nähe!

                Halb sind sie kalt, halb sind sie roh.

                125

                Der, nach dem Schauspiel, hofft ein Kartenspiel,

                Der eine wilde Nacht an einer Dirne Busen.

                [14]

                Was plagt ihr armen Thoren viel,

                Zu solchem Zweck, die holden Musen?

                Ich sag’ euch, gebt nur mehr, und immer, immer mehr,

                130

                So könnt ihr euch vom Ziele nie verirren,

                Sucht nur die Menschen zu verwirren,

                Sie zu befriedigen ist schwer – –

                Was fällt euch an? Entzückung oder Schmerzen?

Das Stück lebt auch vom Ambiente, von der Stimmung drum herum und der Stimmung der Besucher   Die Damen geben sich und ihren Putz zum besten    Und spielen ohne Gage mit.
Er sieht den Dichter in einem Elfenbeinturm sitzen                Was träumet ihr auf eurer Dichter-Höhe?

                --> Dichter.

                Geh hin und such dir einen andern Knecht!

                135

                Der Dichter sollte wohl das höchste Recht,

                Das Menschenrecht, das ihm Natur vergönnt,

                Um deinetwillen freventlich verscherzen!

                Wodurch bewegt er alle Herzen?

                Wodurch besiegt er jedes Element?

                140

                Ist es der Einklang nicht? der aus dem Busen dringt,

                Und in sein Herz die Welt zurücke schlingt.

                Wenn die Natur des Fadens ew’ge Länge,

                Gleichgültig drehend, auf die Spindel zwingt,

                Wenn aller Wesen unharmon’sche Menge

                145

                Verdrießlich durch einander klingt;

                Wer theilt die fließend immer gleiche Reihe

                Belebend ab, daß sie sich rythmisch regt?

                [15]

                Wer ruft das Einzelne zur allgemeinen Weihe?

                Wo es in herrlichen Accorden schlägt,

                150

                Wer läßt den Sturm zu Leidenschaften wüthen?

                Das Abendroth im ernsten Sinne glühn?

                Wer schüttet alle schönen Frühlingsblüten

                Auf der Geliebten Pfade hin?

                Wer flicht die unbedeutend grünen Blätter

                155

                Zum Ehrenkranz Verdiensten jeder Art?

                Wer sichert den Olymp? vereinet Götter?

                Des Menschen Kraft im Dichter offenbart.

       Geh hin und such dir einen andern Knecht! er möchte sich nicht verkaufen lassen. Der Dichter besiegt das Element und bewegt alle Herzen: Nur er allein hat die Möglichkeit durch seinen Einfluss, (Göttlicher Art) so auf die Menschen zu wirken. Er vereint die Götter. Er  zeigt des Menschen Kraft auf.


                Lustige Person.

                So braucht sie denn die schönen Kräfte

                Und treibt die dicht’rischen Geschäfte,

                160

                Wie man ein Liebesabenteuer treibt.

                Zufällig naht man sich, man fühlt, man bleibt

                Und nach und nach wird man verflochten;

                Es wächst das Glück, dann wird es angefochten,

                Man ist entzückt, nun kommt der Schmerz heran,

                165

                Und eh man sich’s versieht ist’s eben ein Roman.

                Laßt uns auch so ein Schauspiel geben!

                Greift nur hinein ins volle Menschenleben!

                Ein jeder lebt’s, nicht vielen ist’s bekannt,

                [16]

                Und wo ihr’s packt, da ist’s interessant.

                170

                In bunten Bildern wenig Klarheit,

                Viel Irrthum und ein Fünkchen Wahrheit,

                So wird der beste Trank gebraut,

                Der alle Welt erquickt und auferbaut.

                Dann sammelt sich der Jugend schönste Blüte

                175

                Vor eurem Spiel und lauscht der Offenbarung,

                Dann sauget jedes zärtliche Gemüthe

                Aus eurem Werk sich melanchol’sche Nahrung;

                Dann wird bald dies bald jenes aufgeregt,

                Ein jeder sieht was er im Herzen trägt.

                180

                Noch sind sie gleich bereit zu weinen und zu lachen,

                Sie ehren noch den Schwung, erfreuen sich am Schein;

                Wer fertig ist, dem ist nichts recht zu machen,

                Ein Werdender wird immer dankbar seyn.

 Dichtung hat immer ein Fünkchen Wahrheit soll aber in erster Linie erfreuen, sie darf ruhig viel Dichtung enthalten. Er vergleicht Liebe mit Dichtung, beides fesselt den Anderen emotional, auch Dichtung soll Liebe und Schmerz beihalten, also aus dem vollen Leben gegriffen sein. Sie soll aufbaue soll das Publikum zum Lachen und zum Weinen bringen.


                Dichter.

                So gieb mir auch die Zeiten wieder,

                185

                Da ich noch selbst im Werden war,

                Da sich ein Quell gedrängter Lieder

                Ununterbrochen neu gebar,

                Da Nebel mir die Welt verhüllten,

                Die Knospe Wunder noch versprach,

                Da ich die tausend Blumen brach,

                Die alle Thäler reichlich füllten.

                Ich hatte nichts und doch genug,

                Den Drang nach Wahrheit und die Lust am Trug.

                Gieb ungebändigt jene Triebe,

                Das tiefe schmerzenvolle Glück,

                Des Hasses Kraft, die Macht der Liebe,

                Gieb meine Jugend mir zurück!

Er will wieder zurück zu seine Jugendzeit, in der er zwar finanziell arm war aber sonst alles hatte, so war er da reich an Ideen.
schmerzvolles Glück = Gegensatz / Oxymoron Widerspruch in sich
                Lustige Person.

                Der Jugend, guter Freund, bedarfst du allenfalls

                Wenn dich in Schlachten Feinde drängen,

                200

                Wenn mit Gewalt an deinen Hals

                Sich allerliebste Mädchen hängen,

                Wenn fern des schnellen Laufes Kranz

                Vom schwer erreichten Ziele winket,

                Wenn nach dem heftgen Wirbeltanz

                205

                Die Nächte schmausend man vertrinket.

                Doch ins bekannte Saitenspiel

                Mit Muth und Anmuth einzugreifen,

                Nach einem selbstgesteckten Ziel

                Mit holdem Irren hinzuschweifen,

                210

                Das, alte Herrn, ist eure Pflicht,

                [18]

                Und wir verehren euch darum nicht minder.

                Das Alter macht nicht kindisch, wie man spricht,

                Es findet uns nur noch als wahre Kinder.

Die lustige Person sieht die Jugend nur für die Liebe und den Krieg sinnvoll, sowie zum ausgiebigen Feiern..

                Director.

                Der Worte sind genug gewechselt,

                215

                Laßt mich auch endlich Thaten sehn;

                Indeß ihr Complimente drechselt,

                Kann etwas nützliches geschehn.

                Was hilft es viel von Stimmung reden?

                Dem Zaudernden erscheint sie nie.

                220

                Gebt ihr euch einmal für Poeten,

                So kommandirt die Poesie.

                Euch ist bekannt was wir bedürfen,

                Wir wollen stark Getränke schlürfen;

                Nun braut mir unverzüglich dran!

                225

                Was heute nicht geschieht, ist Morgen nicht gethan,

                Und keinen Tag soll man verpassen,

                Das Mögliche soll der Entschluß

                Beherzt sogleich beym Schopfe fassen,

                Er will es dann nicht fahren lassen,

                230

                Und wirket weiter, weil er muß.

                [19]

                      Ihr wißt, auf unsern deutschen Bühnen

                Probirt ein jeder was er mag;

                Drum schonet mir an diesem Tag

                Prospecte nicht und nicht Maschinen.

                235

                Gebraucht das groß’ und kleine Himmelslicht,

                Die Sterne dürfet ihr verschwenden;

                An Wasser, Feuer, Felsenwänden,

                An Thier und Vögeln fehlt es nicht.

                So schreitet in dem engen Bretterhaus

                240

                Den ganzen Kreis der Schöpfung aus,

                Und wandelt, mit bedächtger Schnelle,

                Vom Himmel, durch die Welt, zur Hölle

Der Direktor möchte un endlich loslegen und mit dem Stück beginen. Wer will die Werbetrommel rühren ( Prospecte und Himmelslicht) und drängt zum Anfangen.




Direktor Dichter Lustige Person
Selbstbild                 Ich weiß wie man den Geist des Volks versöhnt;
                Doch so verlegen bin ich nie gewesen;
Er kennt sich eigentlich mit den Bedürfnissen des Publikum aus, aber diesmal ist er doch nervös, ob es dem Publikum auch gefalle




Nein, führe mich zur stillen Himmelsenge,
Das Irdische ist zu simpel, er will zur ruhigen Himmelsenge


                Wo nur dem Dichter reine Freude blüht;
Hier hat nur der Dichter Zutritt den normalen Menschen bleit der Einblick verwährt = Elite
                Wie wenig das den ächten Künstler zieme!
Regeln für den echten Künstler, nicht jeder der Kunst schafft ist auch ein  Künstler ( Anspruch / Elite)



….
  Wer sichert den Olymp? vereinet Götter?
Göttliche Macht der Dichtung

                Des Menschen Kraft im Dichter offenba

Der Dichter hat die Macht die Menschen tief zu bewegen

                Da ich noch selbst im Werden war,
Er war im Werden jetzt ist er nicht mehr im Werden = er ist fertig = kein Prozess mehr, Stagnation


 …. Ununterbrochen neu gebar,
In der Zeit schuf er viel und war voller Schaffenskraft



Fremdbild In Noth und Trübsal, beygestanden,

Er braucht die anderen beiden, ohne Dichter kein Stoff ohne Darsteller kein Theater


  Dieß Wunder wirkt auf so verschiedne Leute

Im Theater findet jeder etwas das ihm gefällt

                Der Dichter nur; mein Freund, o! thu es heute.
     
Er mahnt Produktivität an     


     Und seht nur hin für wen ihr schreibt!


Er fordert er Dichter möge Zielgruppen gerecht schreiben


                Was träumet ihr auf eurer Dichter-Höhe?

Dichter Höhe= Wirklichkeitsfern ,
Elfenbeinturm

Was plagt ihr armen Thoren viel,

Viel Arbeit

                Zu solchem Zweck, die holden Musen?

Die Musen die ihm Einfälle schenken


                Indeß ihr Complimente drechselt,
Ironie? Da sich der Dichter und die lustige Person streiten

Kann etwas nützliches geschehn.
Er mahnt Produktivität an
    Was glänzt ist für den Augenblick geboren,

                Das Aechte bleibt der Nachwelt unverloren.
Unterhaltung ist nur ein flüchtiges Vergnügen und nur für den Augenblick gut, Dichtung soll beständig sein und viele Zeitalter überdauern
                Ihr fühlet nicht wie schlecht ein solches Handwerk sey!
Kommerz und Kommödie sind verwerflich und schlecht
          Der saubern Herren Pfuscherey
Abfällig = Pfusch

                Ist, merk’ ich, schon bey euch Maxime.
Er unterstellt den anderen Beiden schlecht zu sein
                Geh hin und such dir einen andern Knecht!
Er will sich icht vom Geld knechten lassen








                Er wünscht sich einen großen Kreis,
Direktor will kommerziellen Erfolg, Dichter will Publikum

                Und treibt die dicht’rischen Geschäfte,
auch Dichtung ist nur eine Arbeit ( geschäfte) und keine göttliche Gabe
                Wie man ein Liebesabenteuer treibt.
Abenteuer = etwas Flüchtiges
                Der Jugend, guter Freund, bedarfst du allenfallsSchlachten
Gewalt allerliebste Mädchen 

Jugend sei nur für die Liebe oder den Kreig relevant
                Und wir verehren euch darum nicht minder.

Respekt vor der Leistung
Theater    Ich wünschte sehr der Menge zu behagen,
 Er muss den Massen gemack treffen um finanziell über die Runden zu kommen
 

                Besonders weil sie lebt und leben läßt.


Leben lässt = finanziell leben lässt, Leben in Form von Kultur
                Sie sitzen schon, mit hohen Augenbraunen,

Publikum sitzt erwartungsvoll bereit

                Da habt ihr in der Breite gleich gewonnen,

Massengeschmack als Zielsetzung

                Solch ein Ragout es muß euch glücken;
Ragout = Vermengung verscheidener Zutateen, die ein ganzes und neues ergeben

                Man eilt zerstreut zu uns, wie zu den Maskenfesten,
   Sucht nur die Menschen zu verwirren,
Theater wie Fasching, verucht die Menschen zu zerstreuen und zu befriedigen ( s. u.) und nicht zu bilden
                Sie zu befriedigen ist schwer – –
Soll Publikum zufrieden stellen

                Und keinen Tag soll man verpassen,
Produktivität

  Mit Götterhand erschaffen und erpflegen.                Was sich die Lippe schüchtern vorgelallt
Gott schafft die Dichtung, der Dichter ist ein Behälter für Gottes Ideen,
                Erscheint es in vollendeter Gestalt.
Vollendung als Ziel

                Wer machte denn der Mitwelt Spaß?
Leben im Hier und Jetzt, den heutigen Menschen Spaß bereiten
                Man ist entzückt, nun kommt der Schmerz heran,

Die Abwechselung von Erfreulichem und Erschreckenden sorgt für Unterhaltung


                Und eh man sich’s versieht ist’s eben ein Roman.
Roman entsteht schnell durch die Vermengung der verschiedene Zutaten
                Greift nur hinein ins volle Menschenleben!
Theater als Bild des Lebens voller Buntheit
      Viel Irrthum und ein Fünkchen Wahrheit,Mischung aus Fiktion und Wahrheit


                So wird der beste Trank gebraut,
Kompossition wie ein Zaubertrank oder das Bierbrauen
Metapher

Publikum                 Zwar sind sie an das Beste nicht gewöhnt,
 verächtlich
                Allein sie haben schrecklich viel gelesen.
Sie halten sich für gebildet
                Wenn sich der Strom nach unsrer Bude drängt,
Will Publikumsmassen da das finziellen  Erfolg bedeutet

                So daß die Menge staunend gaffen kann,
Gaffen= abfällig: Dümmlich gafft die Menge
                Bedenkt, ihr habet weiches Holz zu spalten,
weiches Holz= Publikum ist dumm
Die Damen geben sich und ihren Putz zum besten
                Und spielen ohne Gage mit.
Die Frauen machen sich schön, sehen und gesehen werden, Das Theater als Laufsteg und Ort an dem man sich profiliert
     O sprich mir nicht von jener bunten Menge,
Die Menge ist ihm nicht genehm, gefällt ihm nicht

               Bey deren Anblick uns der Geist entflieht.

Er mag die Menschen / das Publikum nicht

                Das Aechte bleibt der Nachwelt unverloren.
Dichtung bleibt für Immer


                Den will sie doch und soll ihn haben.
Es bekommt was es sich wünscht,  Zielgruppen gerecht
                Ein jeder sieht was er im Herzen trägt.
selektiv: Jeder sieht das was er ist darin

Wer fertig ist, dem ist nichts recht zu machen,
wendet isch nur an offene Zuschauer:
                Ein Werdender wird immer dankbar seyn.




Sprache

Dass Vorspiel auf dem Theater enthält neben einer Fünfhebigen Standze auch den vierhebigen Jambus und Knittelvers

Hier noch einmal der gesamte Text unzerstückelt 

Vorspiel auf dem Theater.


--> [9]

Director, Theaterdichter, lustige Person.

Director.

Ihr beyden die ihr mir so oft,

In Noth und Trübsal, beygestanden,

35

Sagt was ihr wohl, in deutschen Landen,

Von unsrer Unternehmung hofft?

Ich wünschte sehr der Menge zu behagen,

Besonders weil sie lebt und leben läßt.

Die Pfosten sind, die Breter aufgeschlagen,

40

Und jedermann erwartet sich ein Fest.

Sie sitzen schon, mit hohen Augenbraunen,

Gelassen da und möchten gern erstaunen.

Ich weiß wie man den Geist des Volks versöhnt;

Doch so verlegen bin ich nie gewesen;

45

Zwar sind sie an das Beste nicht gewöhnt,

[10]

Allein sie haben schrecklich viel gelesen.

Wie machen wir’s? daß alles frisch und neu

Und mit Bedeutung auch gefällig sey.

Denn freylich mag ich gern die Menge sehen,

50

Wenn sich der Strom nach unsrer Bude drängt,

Und mit gewaltig wiederholten Wehen,

Sich durch die enge Gnadenpforte zwängt;

Bey hellem Tage, schon vor Vieren,

Mit Stößen sich bis an die Kasse ficht

55

Und, wie in Hungersnoth um Brot an Beckerthüren,

Um ein Billet sich fast die Hälse bricht.

Dieß Wunder wirkt auf so verschiedne Leute

Der Dichter nur; mein Freund, o! thu es heute.

Dichter.

O sprich mir nicht von jener bunten Menge,

60

Bey deren Anblick uns der Geist entflieht.

Verhülle mir das wogende Gedränge,

Das wider Willen uns zum Strudel zieht.

Nein, führe mich zur stillen Himmelsenge,

Wo nur dem Dichter reine Freude blüht;

65

Wo Lieb’ und Freundschaft unsres Herzens Segen

Mit Götterhand erschaffen und erpflegen.

[11]

Ach! was in tiefer Brust uns da entsprungen,

Was sich die Lippe schüchtern vorgelallt,

Mißrathen jetzt und jetzt vielleicht gelungen,

70

Verschlingt des wilden Augenblicks Gewalt.

Oft wenn es erst durch Jahre durchgedrungen

Erscheint es in vollendeter Gestalt.

Was glänzt ist für den Augenblick geboren,

Das Aechte bleibt der Nachwelt unverloren.

Lustige Person.

75

Wenn ich nur nichts von Nachwelt hören sollte.

Gesetzt daß ich von Nachwelt reden wollte,

Wer machte denn der Mitwelt Spaß?

Den will sie doch und soll ihn haben.

Die Gegenwart von einem braven Knaben

80

Ist, dächt’ ich, immer auch schon was.

Wer sich behaglich mitzutheilen weiß,

Den wird des Volkes Laune nicht erbittern;

Er wünscht sich einen großen Kreis,

Um ihn gewisser zu erschüttern.

85

Drum seyd nur brav und zeigt euch musterhaft,

Laßt Phantasie, mit allen ihren Chören,

[12]

Vernunft, Verstand, Empfindung, Leidenschaft,

Doch, merkt euch wohl! nicht ohne Narrheit hören.

Director.

Besonders aber laßt genug geschehn!

90

Man kommt zu schaun, man will am liebsten sehn.

Wird vieles vor den Augen abgesponnen,

So daß die Menge staunend gaffen kann,

Da habt ihr in der Breite gleich gewonnen,

Ihr seyd ein vielgeliebter Mann.

95

Die Masse könnt ihr nur durch Masse zwingen,

Ein jeder sucht sich endlich selbst was aus.

Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen;

Und jeder geht zufrieden aus dem Haus.

Gebt ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken!

100

Solch ein Ragout es muß euch glücken;

Leicht ist es vorgelegt, so leicht als ausgedacht.

Was hilft’s wenn ihr ein Ganzes dargebracht,

Das Publikum wird es euch doch zerpflücken.

Dichter.

Ihr fühlet nicht wie schlecht ein solches Handwerk sey!

105

Wie wenig das den ächten Künstler zieme!

[13]

Der saubern Herren Pfuscherey

Ist, merk’ ich, schon bey euch Maxime.

Director.

Ein solcher Vorwurf läßt mich ungekränkt;

Ein Mann, der recht zu wirken denkt,

110

Muß auf das beste Werkzeug halten.

Bedenkt, ihr habet weiches Holz zu spalten,

Und seht nur hin für wen ihr schreibt!

Wenn diesen Langeweile treibt,

Kommt jener satt vom übertischten Mahle,

115

Und, was das allerschlimmste bleibt,

Gar mancher kommt vom Lesen der Journale.

Man eilt zerstreut zu uns, wie zu den Maskenfesten,

Und Neugier nur beflügelt jeden Schritt;

Die Damen geben sich und ihren Putz zum besten

120

Und spielen ohne Gage mit.

Was träumet ihr auf eurer Dichter-Höhe?

Was macht ein volles Haus euch froh?

Beseht die Gönner in der Nähe!

Halb sind sie kalt, halb sind sie roh.

125

Der, nach dem Schauspiel, hofft ein Kartenspiel,

Der eine wilde Nacht an einer Dirne Busen.

[14]

Was plagt ihr armen Thoren viel,

Zu solchem Zweck, die holden Musen?

Ich sag’ euch, gebt nur mehr, und immer, immer mehr,

130

So könnt ihr euch vom Ziele nie verirren,

Sucht nur die Menschen zu verwirren,

Sie zu befriedigen ist schwer – –

Was fällt euch an? Entzückung oder Schmerzen?

Dichter.

Geh hin und such dir einen andern Knecht!

135

Der Dichter sollte wohl das höchste Recht,

Das Menschenrecht, das ihm Natur vergönnt,

Um deinetwillen freventlich verscherzen!

Wodurch bewegt er alle Herzen?

Wodurch besiegt er jedes Element?

140

Ist es der Einklang nicht? der aus dem Busen dringt,

Und in sein Herz die Welt zurücke schlingt.

Wenn die Natur des Fadens ew’ge Länge,

Gleichgültig drehend, auf die Spindel zwingt,

Wenn aller Wesen unharmon’sche Menge

145

Verdrießlich durch einander klingt;

Wer theilt die fließend immer gleiche Reihe

Belebend ab, daß sie sich rythmisch regt?

[15]

Wer ruft das Einzelne zur allgemeinen Weihe?

Wo es in herrlichen Accorden schlägt,

150

Wer läßt den Sturm zu Leidenschaften wüthen?

Das Abendroth im ernsten Sinne glühn?

Wer schüttet alle schönen Frühlingsblüten

Auf der Geliebten Pfade hin?

Wer flicht die unbedeutend grünen Blätter

155

Zum Ehrenkranz Verdiensten jeder Art?

Wer sichert den Olymp? vereinet Götter?

Des Menschen Kraft im Dichter offenbart.

Lustige Person.

So braucht sie denn die schönen Kräfte

Und treibt die dicht’rischen Geschäfte,

160

Wie man ein Liebesabenteuer treibt.

Zufällig naht man sich, man fühlt, man bleibt

Und nach und nach wird man verflochten;

Es wächst das Glück, dann wird es angefochten,

Man ist entzückt, nun kommt der Schmerz heran,

165

Und eh man sich’s versieht ist’s eben ein Roman.

Laßt uns auch so ein Schauspiel geben!

Greift nur hinein ins volle Menschenleben!

Ein jeder lebt’s, nicht vielen ist’s bekannt,

[16]

Und wo ihr’s packt, da ist’s interessant.

170

In bunten Bildern wenig Klarheit,

Viel Irrthum und ein Fünkchen Wahrheit,

So wird der beste Trank gebraut,

Der alle Welt erquickt und auferbaut.

Dann sammelt sich der Jugend schönste Blüte

175

Vor eurem Spiel und lauscht der Offenbarung,

Dann sauget jedes zärtliche Gemüthe

Aus eurem Werk sich melanchol’sche Nahrung;

Dann wird bald dies bald jenes aufgeregt,

Ein jeder sieht was er im Herzen trägt.

180

Noch sind sie gleich bereit zu weinen und zu lachen,

Sie ehren noch den Schwung, erfreuen sich am Schein;

Wer fertig ist, dem ist nichts recht zu machen,

Ein Werdender wird immer dankbar seyn.

Dichter.

So gieb mir auch die Zeiten wieder,

185

Da ich noch selbst im Werden war,

Da sich ein Quell gedrängter Lieder

Ununterbrochen neu gebar,

Da Nebel mir die Welt verhüllten,

Die Knospe Wunder noch versprach,

[17]

190

Da ich die tausend Blumen brach,

Die alle Thäler reichlich füllten.

Ich hatte nichts und doch genug,

Den Drang nach Wahrheit und die Lust am Trug.

Gieb ungebändigt jene Triebe,

195

Das tiefe schmerzenvolle Glück,

Des Hasses Kraft, die Macht der Liebe,

Gieb meine Jugend mir zurück!

Lustige Person.

Der Jugend, guter Freund, bedarfst du allenfalls

Wenn dich in Schlachten Feinde drängen,

200

Wenn mit Gewalt an deinen Hals

Sich allerliebste Mädchen hängen,

Wenn fern des schnellen Laufes Kranz

Vom schwer erreichten Ziele winket,

Wenn nach dem heftgen Wirbeltanz

205

Die Nächte schmausend man vertrinket.

Doch ins bekannte Saitenspiel

Mit Muth und Anmuth einzugreifen,

Nach einem selbstgesteckten Ziel

Mit holdem Irren hinzuschweifen,

210

Das, alte Herrn, ist eure Pflicht,

[18]

Und wir verehren euch darum nicht minder.

Das Alter macht nicht kindisch, wie man spricht,

Es findet uns nur noch als wahre Kinder.

Director.

Der Worte sind genug gewechselt,

215

Laßt mich auch endlich Thaten sehn;

Indeß ihr Complimente drechselt,

Kann etwas nützliches geschehn.

Was hilft es viel von Stimmung reden?

Dem Zaudernden erscheint sie nie.

220

Gebt ihr euch einmal für Poeten,

So kommandirt die Poesie.

Euch ist bekannt was wir bedürfen,

Wir wollen stark Getränke schlürfen;

Nun braut mir unverzüglich dran!

225

Was heute nicht geschieht, ist Morgen nicht gethan,

Und keinen Tag soll man verpassen,

Das Mögliche soll der Entschluß

Beherzt sogleich beym Schopfe fassen,

Er will es dann nicht fahren lassen,

230

Und wirket weiter, weil er muß.

[19]

      Ihr wißt, auf unsern deutschen Bühnen

Probirt ein jeder was er mag;

Drum schonet mir an diesem Tag

Prospecte nicht und nicht Maschinen.

235

Gebraucht das groß’ und kleine Himmelslicht,

Die Sterne dürfet ihr verschwenden;

An Wasser, Feuer, Felsenwänden,

An Thier und Vögeln fehlt es nicht.

So schreitet in dem engen Bretterhaus

240

Den ganzen Kreis der Schöpfung aus,

Und wandelt, mit bedächtger Schnelle,

Vom Himmel, durch die Welt, zur Hölle.


http://www.eule2003.de/gbereich/g-Deutsch/d12/Goethe/f-vorspiel.pdf

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