Sonntag, 19. Mai 2013

Faust vs. Wagner von Rainer Raasch

Goethes Faust

Vergleichende Charakterisierung Faust und Famulus Wagner

Allgemeines:

Bei diesen beiden Personen in Goethes "Faust" handelt es sich um Gelehrtentypen, die unterschiedlicher nicht sein können. Goethe hat ganz bewusst die unterschiedlichen Charakter benutzt, um die Vielfältigkeit der damaligen literarischen Geisteshaltung sowie Wissenschaft entsprechend darzustellen.

Faust repräsentiert die sogenannte pansophisch-naturmystische Geistigkeit des 16. und 17. Jahrhunderts, die sich mit dem ganzheitlichen Ansatz der Denk- und Empfindungsweise des Sturm und Drang (auch Geniezeit oder Genieperiode; bezeichnet eine Strömung der deutschen Literatur in der Epoche der Aufklärung von 1765 bis 1785) berührt.

Sein Assistent (Famulus = Diener) Wagner hingegen verkörpert die humanistisch-rhetorische Gelehrsamkeit des 16. Jahrhunderts, die abstrakt gehandelt, ihren Pendant im Fortschrittsglauben sowie im enzyklopädischen Eifer der Aufklärung findet.

Zitat Goethes im Jahr 1800 skizzierten Schema zu Dr. Faust:

Ideales Streben nach Einwirken und Einfühlen in die ganze Natur."
"

und zu Famulus Wagner:

Helles, kaltes wissenschaftliches Streben."
"


Charakteristik:

Dr. Heinrich Faust, der im Drama "Faust" vom J.W. von Goethe als Wissenschaftler dargestellt wird hat alle Fakultäten bzw. Wissenschaften, die es damals gab studiert. Es handelt sich hierbei um Philosophie, Jura, Theologie und Medizin. Ein breit gefächertes Spektrum, welches Dr. Faust mit einem enormen Wissen ausstattet (Verse 354-356). Jedoch ist dieser mit dem errungen Wissen nicht zufrieden (Vers 370), da er mehr wissen möchte als die eigentliche Wissenschaft aussagt und er somit über das Erfassungsvermögen eines rational denkenden Menschen hinausgehen möchte.

Sein gelehriger Schüler, Famulus Wagner, ist ebenfalls sehr wissbegierig und möchte selbst von Faust und vor allen Dingen aus Büchern lernen, um so klug zu werden wie sein Vorbild.

Die weiteren Unterschiede kommen dann während des Spaziergangs Faust mit Wagner zutage. Auf einem Berg machen sie Rast und Dr. Faust quälen die Vorwürfe, weil seine Arznei zu Zeiten der Pest, die er den Kranken verabreichte in Teilen nicht half und somit diese tötete statt heilte (ein deutlicher Zweifel an die medizinische Wissenschaft sowie an sich selbst; Vers 1055 u. 1056). Faust schwärmt von der Abendsonne, die er bewundert und personifiziert, da er sie als Förder des Lebens kennzeichnet (Vers 1072-1074). Seine Bewunderung schwenkt um in Sehnsucht, der Sonne zu folgen, um die Stille und Ruhe dieser für immer genießen zu können (Vers 1075-1076). Bei diesen Aussagen bedient sich Goethe den Empfindungen und Sehnsüchten aus der literarischen Epoche des Sturm und Drang, die Anklang zu Inhalten des "Werther" finden. Die Steigerung bildet die Aussage Fausts, dass er die Sonne als Göttin (Vers 1089) bezeichnet bzw. glorifiziert und hiermit die Verbundenheit Fausts zur Sonne verdeutlicht werden soll, die ihm letztendlich Trost spendet und von seinen schlimmen Selbstvorwürfen ablenkt. Durch die laufende Personifizierung von Natur im Drama (hier: Sonne, Berge und Meer) wird deutlich, dass die Natur für Faust keinen materiellen Wert besitzt, sondern diese Naturerscheinungen wirkende und geistige Wesen für ihn darstellen.

Famulus Wagner hingegen interessiert die Natur weniger bzw. gar nicht. Fausts Schwärmerei kann oder will er nicht folgen, so bezeichnet er die Sonne gar als "grillenhaft" (Vers 1100). Die Lebensfreude und Schönheit entsteht für ihn ausschließlich in der kargen Umwelt beim Lesen von Büchern, aus denen er sein Wissen schöpft (Vers 1104-1105). Mit dieser Mitteilung an den Leser stellt Goethe Wagner als nackten Rhetoriker bzw. Theoretiker dar, dem es zudem wichtig ist mit diesem angelesenen Wissen wichtig und gebildet zu wirken (s. dazu die Aussage eines Zitates von Hippokrates; Vers558 - 559). Er ist also nicht bereit bzw. bemüht selbstständig etwas zu entdecken oder zu erforschen sondern geht immer vom Vorliegenden bzw. Gelesenem aus. Wagners Lebenssinn besteht einfach nur darin, Bücher zu lesen, um sich das Wissen anderer Menschen (z.B. Dr. Faust) anzueignen.

Dr. Faust besitzt dieses von Famulus Wagner angestrebte universelle Wissen bereits und hat trotzdem noch keine Antwort darauf gefunden , wie diese Naturwunder entstanden sind. Dieses wird deutlich an der Aussage im Vers 382-383: "Daß ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält." Auf der Suche nach dem Sinn des Lebens zw. der Wissenschaften wendet Dr. Faust sich schließlich der Magie zu und bittet im Weiteren die Geister um ein besseres Leben aus seiner Sichtweise erhoffen zu können. Der Zwiespalt in seinem Leben könnte nicht besser dargestellt werden. Die Fähigkeit übermenschliche Wesen zu erfassen kommt ganz deutlich zu Tage in der Szene mit dem Pudel, in der Faust sofort merkt, dass dieses kein gewöhnliches Tier ist (Vers 1158-1159; "Mir scheint es, dass er magisch leise Schlingen zu künftgem Band um unsere Füße zieht." Hier erkennt Dr. Faust bereits die Gefahr, die vom Tier ausgeht, welches ihn umschlingt und fesselt. Vielleicht ahnt er bereits die Unfreiheit, die ihn im zukünftigen Umgang mit Mephisto widerfahren wird. Trotzdem lässt sich Faust in diesem Fall von Wagners rationellem Denken überzeugen, da dieser der Meinung ist, dass es sich hierbei um einen gewöhnlichen Hund handelt.

Das Gegenteil in Bezug auf das Erkennen bzw. Glauben an eine Geisterwelt spiegelt sich bei Wagner wieder. Er hingegen hat keine Beziehung zur Geisterwelt. Er bezeichnet die Geister als Gefahr für die Menschen (Z. 1128), die die Menschen töten um selber zu leben (Z. 1132) und vortäuschen, gut zu sein, in Wahrheit jedoch lügen und falsch sind (Z. 1141). Als er mit Faust Mephisto im Körper eines Pudels entdeckte, merkte er im Gegensatz zu Faust nicht, dass es sich bei dem Hund nicht um ein Tier, sondern um einen bösen Geist handelt: "Ich sehe nichts als einen schwarzen Pudel." (Vers 1156). Wagner dementiert nicht, dass es böse Geister gibt, er ist jedoch nicht in der Lage sie zu erkennen. Die rationale und abstrakte Denkweise des Gehilfen kommt hier deutlich zum Ausdruck.

Faust ist also ein universell gebildeter Mensch, der nach noch Höherem strebt. Ihm reicht es nicht, zu lernen was andere erforschten, sondern möchte dies selber übernehmen. Seine Verbundenheit zur Natur, sein Glauben daran, dass jede Naturerscheinung einen geistigen Hintergrund hat und das festgestellte Versagen der Wissenschaft im Bezug auf seine Frage nach dem Kern der Erde bringen ihn dazu, sich der Magie hinzugeben. Er ist in der Lage mit Geistern zu kommunizieren, die erhoffte Erkenntnis bringt ihm dies jedoch nicht. Dies und seine widersprüchlichen Wünsche zum einen nach irdischen Freuden und zum anderen nach der Erkenntnis und dem Geisterreich lassen ihn verzweifeln.

Der rational denkende Wagner kann die Unzufriedenheit Fausts nicht verstehen. Er strebt ebenso wie Faust nach der Erfassung von Gegebenheiten, jedoch entnimmt er das angestrebte Wissen Büchern und befragt Wissenschaftler wie Faust um einmal den gleichen Wissensstand zu erreichen. Weder mit der Natur noch mit dem Geisterreich kann er etwas anfangen und es ist ihm sehr wichtig, auf andere Menschen gebildet zu wirken.

Der Forscher (Dr. Faust) und der ewig strebende Student (Wagner), so oder anders könnte man die unterschiedlichen Gelehrtentypen mit ihrem entsprechenden Charakter titulieren.

Faust, der ein Leben lang geforscht und studiert hat, gehört zu den gelehrtesten Männern seiner Zeit. Er achtet alle Menschen, ob einfache oder studierte und ist bei ihnen sehr beliebt. Er ist ständig auf der Suche nach dem Sinn des Lebens und des Menschseins.

Er ist der Natur sehr verbunden und betrachtet die Dinge mit dem dazugehörigen Gefühl und will, weil eben Wissenschaftler und Forscher alles verstehen, auch wenn es sich um Übersinnliches Handelt und er es trotzdem nicht beweisen kann. Er lebt zudem bescheiden und zurückgezogen. Nachdem er sich alles irdische angeeignet hat, möchte er sein Wissen mit Magie erweitern und geht den Pakt mit Mephisto ein, den er fühlt sich selbst in dem was er gelernt hat bwz. lehrt, gefangen.

Famulus Wagner ist das Gegenteil zu Dr. Faust. Er ist ein gelehriger Schüler von diesem und bewundert ihn wegen seines großen Wissens. Er selbst ist aber nur bestrebt dieses Wissensniveau seines Meisters zu erreichen, um entsprechend bewundert zu werden.

Sein Lebenssinn ist daher nicht das Begreifen oder gar die Erforschung von Neuem, sondern das Abgreifen von Wissen aus Büchern, welches andere Menschen erworben haben und in diesen darstellen. Er kennt daher lediglich nur die Theorie und weiß eigentlich gar nichts vom Leben außerhalb seiner "Bücherwelt".

Zudem befasst er sich weder mit den Menschen oder den Gefühlen noch mit der Natur. Für Wagner ist es nur von Bedeutung wichtig auf die Menschen bzw. gebildet zu wirken. Wagner besitzt somit lediglich eine rein rationale Welterkenntnis, denn er folgt nicht dem Gefühl seines Herzens.

Der ausschlaggebende Unterschied zwischen den beiden ist, dass Faust nach wahrer Erkenntnis und Vollkommenheit sowie Erfüllung seines Lebens strebt, Wagner hingegen versucht lediglich nur das irdische Wesen zu begreifen, verfügt aber nicht über ein tiefes inneres Streben nach eigenem Forscherdrang und vernachlässigt die Gefühlswelt.


Die Gelehrtentypen Wagner und Faust


Wagner
Faust
weltfern (V 531); naturfern (V 1100), volksfern
(V 944)
möchte teilhaben an der Welt (V 464), der Natur (V 423, 1070), am Menschenleben (V 940)
traditionsgläubig (V 563, 1108); wissenschaftsgläubig (V 601) skeptisch gegenüber Tradition, Wissenschaft u. Glauben (V 364, 568, 577 u. 765); drängt nach unmittelbarer Wesensschau (V 382) und dürstet nach Erfahrung, Erleben von Freud und Leid (V 464)
Menschheitsoptimist Menschheitspessimist
rationale und abstrakte Verstandesweise, d.h. er setzt Geist und Verstand vor Gefühl


Gefühl, Herz und Seele
Stubengelehrsamkeit und trockener Rationalismus Streben nach existentiellen, ganzheitlichen Erfahrungen (Pansophie)
Bücherweisheit Skepsis gegenüber reiner Bücherweisheit
Helles, kaltes wissenschaftliches Streben Ideales Streben nach Einfühlen und Einwirken in die Natur
Verehrung der Wissenschaft Suche nach dem Kern der Wissenschaft


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