Sonntag, 19. Mai 2013

sprache

--> Bei einer Interpretation von Goethes Faust muss  man sich selbstverständlich intensiv mit der Sprache des Werkes auseinander setzen.

Die einzelnden lyrischen Besonderheiten sind in den seperaten Einträgen zu finden. Goethe verwendet in seinem Werk Faust I eine besonders große Vielfalt an Stilmitteln, Reimschemata und Sprachvarianten. Er bietet dem Betrachter des Stückes die wohl größte Vielfalt in seiner Zeit. Doch setzte er diese Vielfalt nicht zufällig ein, sondern nutzte die sprachlichen Ausformungen, um die Nuancen im Inhalt durch sprachliche Mittel besonder gut zu unterstreichen. Goethe spielte mit Formen und Ausdrucksweisen und brachte das Werk in eine für seine Zeit besonders ungewöhnliche neue Form.
Bei der Interpretation sollte man besonderes Augenmerk auf die Szene Trüber Tag legen, denn sie ist die einzige Szene, die nicht in Versform verfasst wurde. Die häufigste Versform ist der Knittelvers, diesen verwendet Goethe fast durchgehend. Ansonsten ist das gesamte Werk zu komplex und vielseitig, um es in einigen kurzen Sätzen zusammen zu fassen.

Versform/ Strophenform / Metrum Was ist das/ Einordnung Wirkung Beispiel
Adonius oder adonischer Vers Dakylus verbunden mit einem Trochäus AaAa




IN VIELEN CHORGESÄNGENGeister.
      Schwindet ihr dunkeln
      Wölbungen droben!
      Reizender schaue,
[93]
1450
      Freundlich, der blaue
      Aether herein!
      Wären die dunkeln
      Wolken zerronnen!
      Sternelein funkeln,
1455
      Mildere Sonnen
      Scheinen darein.
      Himmlischer Söhne
      Geistige Schöne,
      Schwankende Beugung
1460
      Schwebet vorüber.
      Sehnende Neigung
      Folget hinüber;
      Und der Gewänder
      Flatternde Bänder
1465
      Decken die Länder,
      Decken die Laube,
      Wo sich für’s Leben,
      Tief in Gedanken,
      Liebende geben.
1470
      Laube bey Laube!
      Sprossende Ranken!
[94]
      Lastende Traube
      Stürzt in’s Behälter
      Drängender Kelter,
1475
      Stürzen in Bächen
      Schäumende Weine,
      Rieseln durch reine,
      Edle Gesteine,
      Lassen die Höhen
1480
      Hinter sich liegen,
      Breiten zu Seen
      Sich ums Genüge
      Grünender Hügel.
      Und das Geflügel
1485
      Schlürfet sich Wonne,
      Flieget der Sonne,
      Flieget den hellen
      Inseln entgegen,
      Die sich auf Wellen
1490
      Gauklend bewegen;
      Wo wir in Chören
      Jauchzende hören,
      Ueber den Auen
[95]
      Tanzende schauen,
1495
      Die sich im Freyen
      Alle zerstreuen.
      Einige glimmen
      Ueber die Höhen,
      Andere schwimmen
1500
      Ueber die Seen,
      Andere schweben;
      Alle zum Leben,
      Alle zur Ferne
      Liebender Sterne
1505
      Seliger Huld.


Alexandriner Im Barock populär, Jambisch, 6 Hebungen, Paarreim, enthält Zäsur nach dritter Hebung


Wirkt unregelmässig und belebt
ist dem jamischen Trimeter eher gegenteilig


Blankvers Jambisch, 5 Hebungen, keine Reime
Shakespeare verwendete diesen Vers oft
Eher ruhiger Ton, unterstreichen Fausts ernste Gedankengänge Faust allein.
Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles,
Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
Dein Angesicht im Feuer zugewendet.
3220
Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich,
Kraft, sie zu fühlen, zu genießen. Nicht
Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur,
Vergönnest mir in ihre tiefe Brust,
Wie in den Busen eines Freund’s, zu schauen.
3225
Du führst die Reihe der Lebendigen
Vor mir vorbey, und lehrst mich meine Brüder
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.
Und wenn der Sturm im Walde braus’t und knarrt,
Die Riesenfichte, stürzend, Nachbaräste
[215]
3230
Und Nachbarstämme, quetschend, nieder streift,
Und ihrem Fall dumpf hohl der Hügel donnert;
Dann führst du mich zur sichern Höhle, zeigst
Mich dann mir selbst, und meiner eignen Brust
Geheime tiefe Wunder öffnen sich.
3235
Und steigt vor meinem Blick der reine Mond
Besänftigend herüber; schweben mir
Von Felsenwänden, aus dem feuchten Busch,
Der Vorwelt silberne Gestalten auf,
Und lindern der Betrachtung strenge Lust.
3240
     O daß dem Menschen nichts Vollkomm’nes wird,
Empfind’ ich nun. Du gabst zu dieser Wonne,
Die mich den Göttern nah’ und näher bringt,
Mir den Gefährten, den ich schon nicht mehr
Entbehren kann, wenn er gleich, kalt und frech,
3245
Mich vor mir selbst erniedrigt, und zu Nichts,
Mit einem Worthauch, deine Gaben wandelt.
Er facht in meiner Brust ein wildes Feuer
Nach jenem schönen Bild geschäftig an.
[216]
So tauml’ ich von Begierde zu Genuß,
3250
Und im Genuß verschmacht’ ich nach Begierde.





Daktylus





Faustvers Jambisch, Aus Madrigalvers, meist mit 5 Hebungen ( gelegentlich auch mit 2-6 Hebungen)



Freie Rhytmen Reimlos und ohne Metrum, Verse haben jedoch einen individuellen Rhytmus Unterstreichen die Gefühlslage von Faust, auch die Leidenschaft. Werden gemäß des Sturm und Drang ( wo eine Aufhebung starrer Dichterregeln gefordert wird) auch verwendet um die, für den Sturm und Drang typische, Gefühlsbetontheit zu unterstreichen Es wölkt sich über mir –
Der Mond verbirgt sein Licht –
470
Die Lampe schwindet!
Es dampft! – Es zucken rothe Strahlen
Mir um das Haupt – Es weht
Ein Schauer vom Gewölb’ herab
Und faßt mich an!
475
Ich fühl’s, du schwebst um mich, erflehter Geist.
Enthülle dich!


Fünfheber



Ein braver Kerl von echtem Fleisch und Blut
Ist für die Dirne viel zu gut.
Ich will von keinem Gruße wissen,
Als ihr die Fenster eingeschmissen!


Fünftakter, regelmäßig

feierlich

Jambus

Unbetont Betont VerBot
Jambischer Trimeter Jambisch mit 6 Hebungen, keine Zäsur , auch Senar genannt, Reimlos, populär im antiken Drama Ermöglicht flüssige Rede ( gegensätzlich zum Alexandriner ) Faust II
Knittelvers Vier Hebungen, Senkungen nach Bedarf, Paarreim, im Epos/Drama des 15./16.Jhd Wirkt unbeschwert aber auch urtümlich und ein wenig altmodisch, wirkt rustikal
bezogen auf Faust: drückt seine Unausgelichenheit aus
Ich gäb’ was drum, wenn ich nur wüßt’,
Wer heut der Herr gewesen ist!
2680
Er sah gewiß recht wacker aus,
Und ist aus einem edlen Haus;
Das konnt’ ich ihm an der Stirne lesen –
Er wär’ auch sonst nicht so keck gewesen.
ab.


Madrigalvers Einheitliches oder wechselndes Metrum,
alternierend, wechselnde Reimstellungen auch mit Waisen, freie metrische Form. Aus dem italienischen, meist im Barock populär, im Franz. Vers Libres
Wirkt fröhlich dahin plaudernd
wird auch vor allem von Mephisto verwendet, das zeigt wie spöttisch und herablassend er ist, unterstreicht seine Rolle als Schalk
Wie kommt das schöne Kästchen hier herein?
Ich schloß doch ganz gewiß den Schrein.
2785
Es ist doch wunderbar! Was mag wohl drinne seyn?
Vielleicht bracht’s jemand als ein Pfand,
Und meine Mutter lieh darauf.
Da hängt ein Schlüsselchen am Band,
[179]
Ich denke wohl, ich mach’ es auf!
2790
Was ist das? Gott im Himmel! schau,
So was hab’ ich mein’ Tage nicht gesehn!
Ein Schmuck! Mit dem könnt’ eine Edelfrau
Am höchsten Feiertage gehn.
Wie sollte mir die Kette stehn?
2795
Wem mag die Herrlichkeit gehören?
Sie putzt sich damit auf und tritt vor den Spiegel.
Wenn nur die Ohrring’ meine wären!
Man sieht doch gleich ganz anders drein.
Was hilft euch Schönheit, junges Blut?
Das ist wohl alles schön und gut,
2800
Allein man läßt’s auch alles seyn;
Man lobt euch halb mit Erbarmen.
Nach Golde drängt,
Am Golde hängt
Doch alles. Ach wir Armen!


Paarreim





Regelmässiger Vierheber

Ruhige Wirkung
unterstreicht Fausts Nachdenklichkeit
Alle.
Gesundheit dem bewährten Mann,
Daß er noch lange helfen kann!

Faust.
Vor jenem droben steht gebückt,
1010
Der helfen lehrt und Hülfe schickt.
Er geht mit Wagnern weiter.


Stanze Ab ab ab cc Feierliche Liedform mit fünfhebigen Jamben, acht Zeilen

Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten!
Die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt.
Versuch’ ich wohl euch diesmal fest zu halten?
Fühl’ ich mein Herz noch jenem Wahn geneigt?
5
Ihr drängt euch zu! nun gut, so mögt ihr walten,
Wie ihr aus Dunst und Nebel um mich steigt;
Mein Busen fühlt sich jugendlich erschüttert
Vom Zauberhauch der euren Zug umwittert.

Ihr bringt mit euch die Bilder froher Tage,
10
Und manche liebe Schatten steigen auf;
Gleich einer alten, halbverklungnen Sage,
Kommt erste Lieb’ und Freundschaft mit herauf;
Der Schmerz wird neu, es wiederholt die Klage
Des Lebens labyrinthisch irren Lauf,
15
Und nennt die Guten, die, um schöne Stunden
Vom Glück getäuscht, vor mir hinweggeschwunden.
[6]
Sie hören nicht die folgenden Gesänge,
Die Seelen, denen ich die ersten sang,
Zerstoben ist das freundliche Gedränge,
20
Verklungen ach! der erste Wiederklang.
Mein Lied[1] ertönt der unbekannten Menge,
Ihr Beyfall selbst macht meinem Herzen bang,
Und was sich sonst an meinem Lied erfreuet,
Wenn es noch lebt, irrt in der Welt zerstreuet.
25
Und mich ergreift ein längst entwöhntes Sehnen
Nach jenem stillen, ernsten Geisterreich,
Es schwebet nun, in unbestimmten Tönen,
Mein lispelnd Lied, der Aeolsharfe gleich,
Ein Schauer faßt mich, Thräne folgt den Thränen,
30
Das strenge Herz es fühlt sich mild und weich;
Was ich besitze seh’ ich wie im weiten,
Und was verschwand wird mir zu Wirklichkeiten.










Terzine 3 zeilige Strophen werden aneinander gereiht und schließen mit einer vierzeiligen Stophe ab aba bcb cdc dede

Faust II
Trochaische Viertakter

Sehr stilisiert Faust II
Trochäus

Betont Unbetont Abend
Volksliedstrophe 4-9 Zeilen pro Strophe, 3-4 hebig, freie Reimordnung

           Es war ein König in Thule
2760
          Gar treu bis an das Grab,
          Dem sterbend seine Buhle
          Einen goldnen Becher gab.

               Es ging ihm nichts darüber,
          Er leert ihn jeden Schmaus;
2765
          Die Augen gingen ihm über,
          So oft er trank daraus.

               Und als er kam zu sterben,
          Zählt’ er seine Städt’ im Reich,
          Gönnt’ alles seinem Erben,
2770
          Den Becher nicht zugleich.
[178]
               Er saß beym Königsmahle,
          Die Ritter um ihn her,
          Auf hohem Väter-Saale,
          Dort auf dem Schloß am Meer.
2775
               Dort stand der alte Zecher,
          Trank letzte Lebensgluth,
          Und warf den heiligen Becher
          Hinunter in die Fluth.

               Er sah ihn stürzen, trinken
2780
          Und sinken tief ins Meer,
          Die Augen thäten ihm sinken,
          Trank nie einen Tropfen mehr.


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